Montag, 16. April 2007
Wie für die meisten im Exil lebenden Deutschen ist auch mein Kontakt zur
deutschen Politik im Wesentlichen auf Spiegel Online beschränkt. Heute habe
ich dort einen interessanten Artikel mit der netten Überschrift "Merkel
reizt den Elefanten" gefunden, in dem die Friedensnobelpreis-Ambitionen unseres
Altkanzlers Helmut Kohl beleuchtet werden
(
Link zum Artikel).
Anscheinend hat Barroso Herrn Kohl als Nobelpreisempfänger vorgeschlagen,
und Kohl bemüht sich nun um ein Empfehlungsschreiben der deutschen
Bundeskanzlerin, das diese ihm aber nicht ausstellen will.
Was ich an dem Artikel interessant fand, war nicht der eigentliche Inhalt,
sondern die Sprachwahl. Zum einen natürlich der "sensible Elefant" Helmut
Kohl – herrlich! Und so zutreffend! Im Gegensatz zu seinem Nachfolger im
Amte, Herrn Schröder, musste sich Kohl nämlich ganz sicher nie auf
einen Betonklotz stellen, um
beinahe auf Augenhöhe mit seinem
Gegenüber zu sein.

Gerhard Schröder, Bundeskanzler a.D. (vergrößert)
Zum anderen die Weise, in der in dem Artikel auf Merkel Bezug genommen wird.
Während Kohl ob des Merkelschen Affronts natürlich vor Wut
schäumt und böse "knurrt", beschränken sich Merkels
Gefühlsäußerungen auf ein gefährliches Zischen:
Vor ein paar Wochen saß sie in einer handverlesenen Runde von
Journalisten und Gesinnungsfreunden zum Abendessen. Die Stimmung war
aufgeräumt, Merkel vernahm mit Vergnügen, wie die Gäste ihren
geschmeidigen Pragmatismus lobten, ein schöner Abend also, bis sich
plötzlich ein alter Kohl-Freund zu Wort meldete. Er müsse doch
daran erinnern, dass "der Herr Bundeskanzler" auch deshalb so erfolgreich
gewesen sei, weil er stets zu seinen politischen Grundsätzen gestanden
habe, zur deutschen Einheit, zur europäischen Integration. "Ach, Sie
immer mit Ihren Kohl-Elogen", zischte Merkel unwirsch.
(Quelle)
Wenn Politikerinnen "fauchen"
(z.B.
Claudia Roth),
dann ist das ja noch halbwegs nachzuvollziehen. Hunde knurren, Katzen fauchen.
Das weiß jedes Kind. Und Katzen sind ja bekanntlich die Ehefrauen der
Hunde. Weiß auch jedes Kind. Oder dachte ich wenigstens als Kind, bis mir
irgendwer erklärt hat, dass das wohl doch nicht so ganz stimmt. Aber zischen?
Das wird ja normalerweise mit Schlangen assoziiert, und das geht dann vielleicht
doch ein bisschen weit. Und außerdem kann ich mir gar nicht so recht
vorstellen, wie das wohl ausschaut – oder sich anhört –, wenn
jemand "unwirsch zischt".
Jetzt aber nochmal zurück zum Kohl. Als ich heute Nachmittag in der Schlange
vorm Tim Hortons stand und auf meinen Kaffee gewartet habe, hat draußen eine
Studentin mit einer Gans Fangen gespielt. Den Sommer über ist der Campus in
Waterloo ja voll von Gänsen, und diese Studentin fand es anscheinend sehr lustig,
der armen Gans hinterherzurennen. Die Gans fand das natürlich überhaupt
nicht lustig und ist vor der Studentin weggerannt. Warum sie nicht weggeflogen ist,
ist mir ein Rätsel; aber vielleicht ist sie gerade schwanger, und vielleicht
könneren schwangere Gänse nicht fliegen. Oder was weiß ich.
Jedenfalls stand ich so in der Schlange und habe mir überlegt, was wohl
passieren würde, wenn ich plötzlich mit viel Geschrei auf die Studentin
losrennen würde. Ob die dann wohl auch vor mir wegrennen würde, so wie
die Gans vor ihr? Und wie das wohl für die Herumstehenden aussehen würde,
wenn da so ein komischer Typ hinter nem Mädchen hinterherrennen würde.
Und vor allem: Was würde die Gans von all dem halten? Hab ich natürlich
dann doch nicht gemacht, weil die Schlange vorm Tim Hortons nämlich ziemlich
lang war und ich meinen guten Warteplatz nicht aufgeben wollte. Aber gedacht hab
ich's.
Und da kam mir dann dieses Bild vom Kohl in Erinnerung, auf dem er ein bisschen
so aussieht wie eine übergroße Gans (oder ein Flugsaurier). Und
Gorbatschow, der ihm gegenübersteht, ein bisschen wie ein
Gänseküken (oder die Beute des Flugsauriers).

Helmut Kohl, auch Bundeskanzler a.D. (Originalgröße)
Komisch, dass Gorbatschow damals nicht schreiend das Weite gesucht hat.
Überrascht hätte es wohl niemanden. Und das hätte dann
wahrscheinlich das Ende der deutschen Wiedervereinigung bedeutet, die ja
hauptsächlich von Kohl und seinem Küken Gorbatschow ausgeheckt worden
ist. Die Wiedervereinigung wäre also nicht zustande gekommen,
Ostdeutschland wäre heute eine russische Exklave,
und Helmut Kohl könnte nicht als heißer Kandidat für den
Friedensnobelpreis gehandelt werden. Für Angela Merkel gäbe es keinen
Grund, unwirsch zu zischen, und ich hätte diesen Artikel nicht geschrieben.
Also gut, dass Gorbatschow in jenem Moment Courage bewiesen hat und nicht vor
dem "sensiblen Elefanten" davongerannt ist.