Donnerstag, 17. August 2006
Jetzt ist es also vorbei, mein Interludium in Kalifornien. Drei Monate schuften
und Kohle scheffeln. Drei Monate
Google-Food,
Smart Water
und
hochprozentige Vitaminsäfte.
Drei Monate strahlender Sonnenschein.
Heute Nachmittag kam die Möbelfirma und hat die Wohnung leergeräumt.
Ich liege auf dem Fußboden unserer Wohnung, auf meiner Bettdecke als
letztem mir verbliebenen Einrichtungsgegenstand, und lasse die letzten Monate
noch einmal an mir vorbeiziehen. In meinem Abschlussbericht, der Teil des J-1
Visaprogramms ist, über das ich in die USA gekommen bin, sollte ich meine
außerberuflichen und interkulturellen Erfahrungen zusammenfassen. Was also
sind die herausragenden Erfahrungen, die ich gemacht habe? Vor allem, dass es
wohl keine andere Region auf der Erde gibt, über die so viele Lieder
geschrieben wurden wie über Kalifornien. Kein Mensch besingt Ontario. Und
das Niedersachsenlied singt außer Heino auch höchstens Christian
Wulff (und ich in der Pariser Metro, wenn ich betrunken bin).
Kalifornien, und vor allem die San Francisco Bay Area, hat Flair. Von der
Pazifikküste bis in die Berge sind es mit dem Auto keine drei Stunden.
Es ist das ganze Jahr über warm, aber nicht unerträglich heiß.
Ein Drittel aller Kalifornier sind Mexikaner, oder "Hispanics", wie es wohl
politisch korrekt heißen muss; die restlichen zwei Drittel sind Inder
und Chinesen – jedenfalls im Silicon Valley. Und es regnet nicht.
Während meiner ganzen Zeit in Mountain View habe ich genau zwei Regentage
erlebt. Es ist schwierig, melancholisch zu werden. Die dafür notwendigen
Rahmenbedingungen – dunkelgrauer, wolkenverhangener Himmel und Nieselregen
– sind einfach nicht gegeben. Höchstens nachts kann man sich in die
Dunkelheit setzen, dem Zirpen der Grillen lauschen, und die Schwermut aus dem
Ranzen holen. So wie ich gerade.
I remember long ago
How I wondered where I'd go
While the blizzards, cold wind and snow
Pounded outside my window.
California sunset
Going down in the West
All the colors in the sky
Kiss another day goodbye.
Land of beauty, space and light
Land of promise, land of might
You're my home now and it's true
California, here's to you.
California sunset
Going down in the West
All the colors in the sky
Kiss another day goodbye.
- Neil Young
Trotzdem zieht es mich so langsam wieder zurück nach Kanada. Als ich letzte
Woche in Seattle war, meinte jemand: "Waterloo is a great university, but I wouldn't
want to live in a shit-hole." Ich mag dieses shit-hole. Und trotz aller Vorzüge
Kaliforniens freue ich mich sehr darauf, endlich wieder nach Hause zu fliegen.
Als ich vor einigen Wochen "Oh Canada!"-singend von der Arbeit zurückgekommen
bin, wurde ich von den Passanten relativ blöd angeguckt. Machen wir uns nichts
vor – in Kanada wäre ich auch blöd angeguckt worden. Aber nach dem
Blöd-Gucken hätte der eine oder andere wahrscheinlich angefangen, leise
mitzusummen. So wie ich jedesmal, wenn nachts um halb zwei im Googleplex jemand die
deutsche Nationalhymne gepfiffen hat. Und so erklärt es sich auch, dass das
beeindruckendste Erlebnis, das ich in den letzten Monaten hatte, nicht Yosemite
war, nicht der Grand Canyon, und auch nicht mein allererster Fallschirmsprung,
sondern die Fußballweltmeisterschaft.
Jetzt geht es aber erstmal nach Hawaii, eine Woche ausspannen.
Munterbleiben!
Stefan