Sonntag, 14. Mai 2006

Menschenverbrennung sollte man Profis überlassen.

Vor einigen Jahren habe ich einmal gelesen, dass im dritten Reich in der Umgebung von Konzentrationslagern, in denen Menschen nach ihrer Ermordung verbrannt wurden, ein ganz unangenehmer Geruch in der Luft gehangen sein soll. Der Geruch verbrannten Menschenfleischs. Widerwärtig und ekelerregend. Manchmal kilometerweit zu riechen.

Ich weiß nicht, ob man den Gestank wirklich kilometerweit riechen konnte, aber ganz sicher ist, dass verbrannter Mensch stinkt. Es gibt einen guten Grund dafür, dass man Opa Hoppenstedt, nachdem er die Krawatte ein letztes Mal in die Suppe getunkt und dann den Löffel abgegeben hat, zum Kremator bringt und nicht einfach auf das eigens dafür hergerichtete Lagerfeuer im Hinterhof tut. Der Kremator entsorgt die Leiche mit deutscher Gründlichkeit im Hochtemperaturofen und stellt sicher, dass am Ende wirklich nichts anderes als Asche übrig ist. Die Asche kann man sich dann in einer Urne auf den Kaminsims stellen oder, wie in Big Lebowski, dem Dude ins Gesicht blasen. Aber Asche ist eben Asche. Sauber, nährstoffreich (jedenfalls Vulkanasche) und vor allem geruchslos. Die Geruchslosigkeit ließe sich im Hinterhof nur schwer sicherstellen, und deshalb hat der Gesetzgeber solchen Hinterhofverbrennungsaktionen dankenswerterweise einen Riegel vorgeschoben. Was er dabei vergessen hat: Manchmal verbrennen Menschen sich selbst, absichtlich oder unabsichtlich.

Am letzten Mittwoch habe ich in Waterloo ein Abschiedsgrillen für meine Lableute veranstaltet. Natürlich braucht man zum Grillen einen Grill, und weil Nordamerikaner – im Gegensatz zu Deutschen – vom Grillen natürlich überhaupt nichts verstehen, grillt der Grill in Nordamerika nicht mit Holzkohle, sondern mit Gas. In Wirklichkeit macht es natürlich gar keinen Unterschied, ob der Grill nun auf Basis von Kohle oder Gas seine Arbeit verrichtet, hat aber manchmal fatale Auswirkungen auf die Haarpracht des Grillmeisters. Der Unterschied in einem Satz zusammengefasst: Kohle fliegt nicht; Gas schon.

Der Gasgrill, den wir zu Hause haben, hat einen Elektrozünder, den man per Knopfdruck bedienen kann. Weil der Grill aber das ganze Jahr über im Hinterhof steht und den extremen kanadischen Witterungsverhältnissen unterworfen ist, funktioniert der Zünder nicht mehr so toll wie ursprünglich, als der Grill noch neu war. Als ich am Mittwoch den Gashahn aufdrehte und mehrfach den Zündknopf betätigte, passierte erwartungsgemäß ersteinmal gar nichts. Und dann muss bei mir für eine Sekunde das Gehirn ausgesetzt haben, denn ich habe mich über den Grill gebeugt, um herauszufinden, ob wenigstens irgendwo ein Funke zu sehen ist. Der war in der Tat zu sehen, ebenso wie das Gas, das plötzlich überall um mich herum war und überraschenderweise auch noch seine Farbe von unsichtbar in Orange änderte.

Seltsamerweise war ich gar nicht geschockt. Das Orange um mich herum war ziemlich hübsch, und das brennende Gas überhaupt nicht heiß, sondern bloß angenehm warm. Genau die richtige Temperatur. Deshalb war mein Kommentar, als das Spektakel nach einer Sekunde oder so vorbei war, auch lediglich: "Oh, that wasn't too bad." Ashif war jedoch anderer Meinung und merkte höflich an, dass meine Haare ein wenig kürzer seien als vorher. Ein schneller Blick in den Spiegel bestätigte: Rechts vorne auf dem Kopf ein wenig gestutzt, und der Bart in der rechten Gesichtshälfte auch einige Millimeter kürzer als noch Sekunden zuvor. Trotzdem blieb ich bei meiner ursprünglichen Reaktion. It actually wasn't too bad. Es hätte auch schlimmer kommen können.

Der eigentliche Schock kam dann am naächsten Morgen unter der Dusche. Wenn man am Abend vorher am Lagerfeuer gesessen hat, erlebt man die ganze Geruchswelt des Lagerfeuers am Morgen danach unter der Dusche noch einmal nach. Das Wasser im Haar, zusammen mit dem Shampoo, scheint die Aromapartikel vom letzten Abend noch einmal zum Leben zu erwecken – die Dusche riecht nach Lagerfeuerromantik. So war es auch am Donnerstag. Bloß von Romantik keine Spur. Sobald ich das Shampoo im Haar hatte, war die gesamte Dusche plötzlich von einem unglaublichen Gestank erfüllt, unangenehmer als alles, was ich je gerochen hatte. So also riecht verbranntes Haar. Aha. Igitt!

Ich stand doppelt so lange unter der Dusche wie normalerweise, die Luft anhaltend, wie besessen in meinen Haaren rumschrubbend und zum Atmen gelegentlich das Badezimmerfenster öffnend. Geholfen hat es nicht sehr viel. Auch am nächsten Morgen stank die Dusche wieder nach verbranntem Haar, zum Glück aber nicht mehr ganz so schlimm wie am Tag zuvor. Am Ende habe ich zur Brachiallösung gegriffen: Bart rasiert und ab zum Friseur.

Was habe ich also gelernt? Ein Gasgrill ist nicht wirklich gefährlich, kann einem aber die Haare versengen. Und auch wenn man's nicht unmittelbar merkt: Am nächsten Morgen wird man herausfinden, was für ein ekelhafter Geruch von verbranntem Haar ausgeht. Was Opa Hoppenstedt betrifft, so heißt das wohl, dass man in der Tat in den sauren Apfel beißen und die großväterlichen Überreste für teures Geld in professionelle Hände geben muss, statt sie im Hinterhof mit Gitarrenmusik und Lagerfeuerromantik in den Abendhimmel zu blasen. Ein Fünkchen Hoffnung aber bleibt: Wenn man der Leiche vor der Verbrennung die Haare abrasiert, dann stinkt's eventuell nicht ganz so doll. Allerdings habe ich nicht vor, dieses Experiment an mir selbst durchzuführen. Vielleicht an unserer Katze, wenn sie mal tot ist.