Montag, 7. November 2005

Wer schon einmal in Nordamerika war, der weiß, wie unangenehm die amerikanischen Toiletten sind. Das Wasser steht so hoch, dass man bestimmte Teile nicht einfach bequem hängen lassen kann, sondern die ganze Zeit mit der Hand dafür sorgen muss, dass sie trocken bleiben. Natürlich versaut einem das das ganze Toilettenerlebnis, dessen Reiz ja im Wesentlichen darin liegt, dass man sich völlig entspannen und seine Gedanken frei schweifen lassen kann – begleitet von einem gelegentlichen Plumpsgeräusch.

Von Zeit zu Zeit kommt es vor, dass ich die Entspannungsphase zu früh beginnen lasse. Bereits auf dem Weg zur Toilette fange ich an zu träumen, in fröhlicher Erwartung des sich anbahnenden Stuhlganges. Wenn ich mich dann – ganz in Gedanken – auf der Toilette niederlasse, um das Geschäft zu beginnen, vergesse ich natürlich, Gegenmaßnahmen gegen den hohen Wasserstand einzuleiten. Schon ist es geschehen, und ich bin so außer mir vor Wut über die nordamerikanischen Toiletten, dass es mit der Entspannung garantiert nichts mehr wird, sondern ich gequält und unter größter Anstrengung jede Wurst einzeln durch den Anus drücken muss.

Jetzt kann man sich natürlich denken: "Wenn die Toiletten so bescheuert sind, warum reduzierst du deinen Stuhlgang dann nicht einfach auf eine Sitzung pro Tag und genießt ansonsten die Vorzüge eines Pissoirs?" Leider ist die Welt nicht ganz so einfach. Erstens ist die Erfahrung des Stehendpinkelns, die einem das Pissoir anbietet, überhaupt nicht mit einem ordentlichen Toilettenbesuch und den trancegleichen Zuständen, die mit ihm einhergehen, vergleichbar. Zweitens haben kanadische Pissoirs (wenigstens jene, die ich bei uns in der Uni gefunden habe) einen grundlegenden baulichen Mangel, der mir die Benutzung der Pissoirs sogar noch unangenehmer macht als die der Toilette: Sie sind nicht tief genug.

Der unmittelbare Effekt dieses Designfehlers ist, dass der Urin einem beim Pinkeln gleich wieder entgegenspritzt und lustige kleine Fleckchen auf der Hose hinterlässt. Nun gibt es natürlich einen ganzen Katalog möglicher Gegenmaßnahmen, die aber alle gleichermaßen unbefriedigend sind. Zunächst kann man durch geschicktes Zudrücken der Harnröhre die Initialgeschwindigkeit des herausspritzenden Urins verringern und so den Rückspritzeffekt reduzieren. Das Urinieren macht so aber überhaupt keinen Spaß mehr. Dann kann man sich in größerer Entfernung vom Urinal positionieren, um so dem zurückspritzenden Urin zu entgehen. Als Nebeneffekt landet aber mehr Urin auf dem Fußboden, was mir immer ein schlechtes Gewissen bereitet. Schließlich ist es theoretisch möglich, durch die richtige Wahl des Auftreffwinkels den gelben Strahl zu überreden, doch dauerhaft im Becken zu verweilen. Intuitiv mag dies als beste Lösung erscheinen. Leider habe ich es nie geschafft, den richtigen Winkel zu finden. Etwas Urin kommt immer zurück.

Als ich vor zwei Wochen nach Europa gekommen bin, habe ich mich entsprechend gefreut, endlich wieder das gute europäische Klo benutzen zu können. Meine erste Amtshandlung im Amsterdam war dann auch der Besuch der Flughafentoilette. Jede Schüssel in einem eigenen kleinen Raum, umschlossen von Wänden, die bis zur Decke reichten, und das Wasser in der Schüssel so tief, dass ich in Ruhe alles baumeln lassen und jeden Muskel meines Körpers in den Entspannungsmodus schalten konnte. Womit ich nicht gerechnet hatte, war, dass die Toilettenspülung durch einen Bewegungsmelder aktiviert wird. Keine Sekunde, nachdem ich mich zum Entspannen nach vorne gebeugt, die Ellenbogen auf meinen Knieen abgestützt und das Gehirn abgeschaltet hatte, wurde ein Schwall eiskalten Wassers in die Toilette geleitet. Alles war nass, alles war eklig. Dann lieber amerikanische Toiletten, in denen zwar das Wasser viel zu hoch steht, bei denen man sich aber wenigstens darauf verlassen kann, dass es nicht plötzlich an einem hochspritzt.


Samstag, 12. November 2005   - Nachtrag -

Auf der Rückreise nach Kanada habe ich wieder die Amsterdamer Toiletten benutzt und es doch tatsächlich geschafft, in einer einzigen Sitzung durch falsches Bewegen gleich dreimal die Spülung auszulösen. Als ich dann in Toronto angekommen bin, habe ich gleich erstmal die dortigen Flughafentoiletten inspiziert. Es stellte sich heraus, dass deren Spülung zwar auch durch einen Infrarotsensor ausgelöst werden, dass der aber viel tiefer angebracht ist als der in Amsterdam, so dass es praktisch unmöglich ist, die Spülung unabsichtlich in Gang zu setzen.