Sonntag, 21. November 2004



Amerika -- Land der Freiheit, der Demokratie und der unbegrenzten Möglichkeiten. Nachdem wir uns im letzten Jahr bereits links unten umgeguckt hatten, habe ich letzte Woche eine Konferenz (TREC 2004) in Maryland als Vorwand benutzt, auch mit rechts oben ein wenig Bekanntschaft zu machen.

Am Dienstagmorgen, kurz nach Sonnenaufgang, wurde ich zu Hause abgeholt, und wir sind nach Gaithersburg, Maryland (30 Meilen nördlich von Washington, DC) gefahren.



Da am 1. November offiziell die Fingerabdruck-Pflicht an amerikanischen Grenzübergängen eingeführt worden ist, war meine Freude, dieses wunderbare Land zu bereisen, ein wenig getrübt. Glücklicherweise stellte sich heraus, dass das System noch in der Erprobung war und deshalb nicht an allen Grenzstationen eingesetzt wurde, ich also noch einmal ohne Abgabe meines Fingers einreisen durfte.

Der Grenzbeamte gab sich dennoch alle Mühe, Amerika möglichst sicher wirken zu lassen. "Was wollen Sie hier?", "Woher kennen Sie sich?" und andere Standardfragen. Ausweise müssen alle einzeln abgegeben werden, und zwar nicht direkt an den Grenzwächter, sondern zunächst an den Fahrer, der sie dann -- einzeln! -- an den Wächter weiterreicht. Denn: "I don't want to reach into your car!" Weshalb auch immer. Ich habe mich an der Grenze nicht besonders unsicher gefühlt, aber die amerikanischen Sicherheitsbestimmungen haben schon ihren Sinn, denn die Kanadier mit ihren laschen Regeln lassen ja fast jeden rein, darunter eben auch subversive Elemente wie mich und potentielle Terroristen.

Nachdem der Grenzbeamte alle Ausweise (nicht nur meinen) eingesackt hatte, befahl man uns, unser Auto auf den Parkplatz zu stellen und in das Einwanderungshaus zu gehen, denn ich brauchte ja ein Visum für die Einreise. Im Einwanderungshaus warteten dann auch gleich Dutzende mutmaßlicher Terroristen auf die Ausstellung ihres Visums. Die Abarbeitungsreihenfolge habe ich nicht verstanden, aber ich hatte Glück und wurde schon nach einer halben Stunde reingerufen, um einer freundlichen Grenzbeamtin noch einmal ein paar Fragen zu beantworten und dann den ersehnten Stempel in meinen Ausweis zu bekommen.



Was ich nie verstehen werde, ist, weshalb man bei der Einreise in die USA immer seine Adresse wärend des Aufenthalts angeben muss. Die meisten Touristen werden während ihres USA-Urlaubs sicher nicht die ganze Zeit am selben Ort verweilen. Und selbst wenn: Wer weiß schon die genaue Adresse seines Hotels? Ich ganz bestimmt nicht. Glücklicherweise war die Dame von der Einwanderung so freundlich, die Adresse des Hotels für mich im Internet herauszusuchen, so dass die Formalitäten damit erledigt waren und ich gegen eine Gebühr von 6 Dollar in das gelobte Land einreisen durfte. Angst vor den strengen Regeln der US-Immigration hatte ich inzwischen keine mehr, nachdem meine Sachbearbeiterin sich zur Bearbeitung meines Antrags erst von einem Kollegen erklären lassen musste, wie sie die Fenster auf ihrem Desktop schließt. Der Umgang mit Microsoft-Produkten scheint bei der Ausbildung zum Antiterrorkämpfer keine große Rolle zu spielen.

Auf der weiteren Reise nach Maryland, die uns durch New York und Pennsylvania führte, habe ich die meiste Zeit geschlafen und bin nur manchmal aufgewacht, um die hübschen Wälder Pennsylvanias zu bewundern, die mich sehr an Schweden erinnert haben, und mich zu fragen, weshalb man so verrückte politische Einstellungen hat, wenn man in einer so schönen Gegend wohnt. Denn obwohl Pennsylvania am 2. November demokratisch gewählt hat, ist außerhalb von Pittsburgh und Philadelphia eigentlich alles fest in republikanischer Hand.

Zum Mittagessen gab es für mich Pulled Pork, eine Oststaaten-Spezialität, bei der man das Schwein so lange kochen lässt, bis das Fleisch vom bloßen Angucken zerfällt. Food Network gibt die Kochanweisungen für Pulled Pork folgendermaßen:
Recipe Summary
Difficulty: Easy
Prep Time: 20 minutes
Inactive Prep Time: 13 hours
Cook Time: 11 hours
Guten Appetit!

In Gaithersburg angekommen, durfte ich also meine erste Konferenz genießen und auch meinen ersten Conference Talk geben ("Domain-Specific Synonym Expansion and Validation for Biomedical Information Retrieval" -- PDF). Die amerikanischen Sicherheitsorgane scheinen allesamt außerordentlich interessiert zu sein an allem, was mit der Verarbeitung großer Textdatenbanken zu tun hat (neuerdings vor allem arabische Texte), und so war es auch keine Überraschung, dass ein Herr mit eMail-Adresse @nsa.gov eine kleine Eröffnungsrede gehalten hat.

Wie zu erwarten, gab es beim obligatorischen Konferenzbankett mikroskopisch kleine Portionen, die aber immer noch besser waren als die festlichen Hamburger im Beverly Hilton im letzten Jahr.

     
Am letzten Tag entdeckte Charlie zufällig einen lustigen Brief von Tom Ridge, dem aktuellen Großmufti im Heimatschutzministerium und Chefpaladin im Kampf gegen den internationalen Terrorismus, auf Seite 2 (!) des Telefonbuchs von Gaithersburg. Ich habe kurz überlegt, ob ich das Telefonbuch klauen sollte, habe mich dann aber doch für die einfachere Variante entschieden. "Terrorism forces us to make a choice. We can be afraid. Or we can be ready." Da man als richtiger Amerikaner natürlich vor nichts und niemandem Angst hat, bleibt einem entgegen der Ansage von Herrn Ridge irgendwie doch keine Wahl, und man muss sofort zum nächsten Supermarkt, um sich für den Notfall einzudecken.

In das Emergency Kit gehören neben einer Gallone Wasser pro Person und Tag vor allem Konservendosen, warme Kleidung und ein Schlafsack. Atemschutzmasken sollten auch dabei sein, und für die eine oder andere Amerika-Flagge ist eigentlich auch immer noch Platz. Da die Terroristen bekanntermaßen jederzeit und überall zuschlagen können, sollte man auch immer mindestens eine halbe Tankfüllung Benzin im Auto haben, um notfalls schnell zum Onkel fahren zu können und sich dort in Sicherheit zu bringen.

Mehr Informationen gibt es unter www.ready.gov oder per Telefon unter 1-800-BE-READY. Den vollen Text dieses wundervollen Briefes gibt es hier.

Offenbar bin ich inzwischen wieder zurück im verlotterten Kanada und auch sehr froh darüber. Das Gefühl der ständigen Bedrohung durch feindliche Kämpfer und andere Berufsgruppen war doch ein bisschen zu viel für meine empfindlichen Nerven.

Viele Grüße ins alte Europa!

    Stefan