Mittwoch, 28. April 2004
Jetzt bin ich schon seit über einer Woche in Waterloo und hatte
Gelegenheit, mich ein bisschen einzugewöhnen. Alle wichtigen
bürokratischen Akte sind inzwischen erledigt, nur krankenversichert bin
ich noch nicht. Doch, bin ich schon, nur das Formular habe ich noch nicht bei
der zuständigen Stelle abgeben können. Weil nämlich die
Krankenversicherungskarte an meinen Wohnsitz geschickt wird, den ich aber noch
nicht habe, weil ich erst Anfang Mai dort einziehen kann. So ist das eben:
ordentliche Staaten wie Kanada und Deutschland haben nämlich kein
Interesse an Zigeunerhorden, die wild durchs Land ziehen, sondern jeder
Bürger muss brav in seiner Wohnung sitzen und immer schön Bescheid
sagen, wenn er seinen Sitzplatz ändert.
Wie gesagt: Ich ändere meinen Anfang Mai, wahrscheinlich am Ersten. Dann
bin ich endlich ein vollwertiges Mitglied der Gesellschaft mit festem Wohnsitz
und -- hey, hey! -- sogar einer eigenen Telefonnummer. Die stelle ich aber
nicht ins Internet, nachdem ich im letzten Jahr einmal herausgefunden habe,
dass eine Google-Suche nach meinem Vornamen und meiner Telefonnummer tatsächlich
meine Homepage geliefert hat. Von innen gesehen habe ich meine Residenz noch
nicht, dafür aber von außen.

Columbia Lake Townhouses

Building together for success :-)
Bevor ich in Waterloo angekommen bin, war ich sehr begeistert von dem Namen:
"Columbia Lake Townhouses" -- das klingt nach See, an dessen Ufer man im
Sonnenuntergang entlanglaufen und die Schönheit der Welt genießen
kann. Und tatsächlich: Die Wohnsiedlung liegt am Ufer des Columbia Lake,
der sich aber, jedenfalls in seinem jetzigen Zustand, sehr schlecht für
Genießereien irgendeiner Art eignet. Vielleicht wird er ja im Sommer
künstlich bewässert. Wer weiß.

Ausgetrockneter Columbia Lake
Nachdem ich mich am letzten Donnerstag mit Charlie, meinem Supervisor,
getroffen habe, weiß ich auch endlich, bei welcher Art von Projekt ich
zunächst mitarbeiten werde, wofür ich also mein Geld bekommen werde.
Im Moment erscheint mir alles noch ein bisschen diffus, aber vielleicht wird
sich das nächste Woche, bei meinem ersten Projekttreffen in Toronto,
etwas konkretisieren. Was hingegen schon jetzt sehr konkret ist, ist mein
"Büro". Wenn man es denn so nennen kann. Charlie hat mir ein kleines
Zimmerchen im PLG Lab (Programming Languages Group Laboratory) geschenkt, das
ich zwar
theoretisch mit einem anderen PhD-Studenten teilen
muss, das ich aber
praktisch für mich allein habe, weil
der andere angeblich so gut wie nie da ist.
 Mein Office |
|
 Blick nach draußen ins PLG Lab |
Inzwischen habe ich auch schon einen Account für die CS-Rechner, den ich aber in Ermangelung eines Passworts noch nicht benutzen kann. Trotzdem kann ich
fröhlich im Internet surfen und die Menschheit mit meinen eMails
belästigen, denn: Der ganze Campus ist verstrahlt. In allen für mich
relevanten Gebäuden habe ich WLAN, und das sogar mit Linux. Eigentlich
sogar nur mit Linux, denn unter Windows habe ich es trotz großer
Mühen noch nicht geschafft, die richtige Mausklick-Kombination
herauszufinden. Das zugrundeliegende kombinatorische Problem scheint nicht
trivial zu sein. Namhafte Forscher arbeiten fieberhaft an einem effizienten
Lösungsverfahren für das Problem, von dem bisher nur bekannt ist,
dass es in
NP liegt (we leave the proof as an exercise to the reader).
Heute war ich in dem Städtchen Niagara Falls im Süden Ontarios und
habe mir die dortigen Wasserfälle angesehen. Ich hatte vorher keine
Fotos von den Fällen gesehen und mir irgendwie mehr von der langen Reise
(immerhin 4 Stunden hin und 3 zurück mit dem Bus) erhofft.
Möglicherweise -- hoffe ich -- sind sie im Sommer und bei
schönem Wetter hübscher anzuschauen als im April bei 5°C und dichter
Bewölkung. So jedenfalls konnte ich dem ganzen Spektakel nur wenig
abgewinnen. Um so schlimmer fand ich dann den ganzen Touristenrummel in der
Nähe der Fälle. Planet Hollywood, die Marvel Superheroes Adventure
City und andere großartige Errungenschaften der westlichen Zivilisation
lassen grüßen.
 Niagara Falls, linker Teil |
|
 Niagara Falls, rechter Teil |
Immerhin: Am Ende durfte ich noch einen Regenbogen über dem dampfenden
Wasser sehen. Für die ersten Siedler (oder die ersten Menschen
überhaupt) muss das schon ein toller Anblick gewesen sein, wenn sie aus
dem Wald heraus an den Fluss herangetreten sind und dann diese gewaltigen
Wassermassen nach unten donnern sehen konnten. Aber mit Planet Hollywood &
Co. im Rücken fällt es mir schwer, die richtige Stimmung aufkommen
zu lassen.

Niagara-Fall mit Regenbogen
Ansonsten kann ich nicht mehr viel berichten. Nur, dass mein Fahrrad einen
Schaden hat. Seit gestern macht das Kugellager komische Geräsche.
Möglicherweise hört das von selbst wieder auf. Ich glaube aber nicht
daran. Da ich, wie man weiß, von Fahrrädern keine Ahnung habe,
werde ich mein Vehikel solange weiter schinden, bis es den Geist aufgibt, und
dann mit meinem Garantiekärtchen in der Hand zu Canadian Tyre marschieren.
Ich hoffe, dass das nicht zu bald passiert, denn ich will morgen oder
übermorgen, je nach Wetter, eine kleine Fahrradtour in die Dörfer
unternehmen, wo es sehr feine Bierstübchen geben soll. Vorher möchte
ich noch kurz aus dem Owner's Manual meines Fahrrads zitieren:
Adults should never ride after dusk or at night, unless absolutely necessary.
If it is absolutely necessary, you must take steps to make yourself visible.
Ich grüße alle Daheimgebliebenen aus einem Land, in dem Erwachsene nachts nicht Fahrrad fahren sollen.
Euer Stefan