Dienstag, 20. April 2004
Endlich bin ich also in Waterloo angekommen! Das Wetter ist schön, wenn
auch nicht so warm, wie es in Deutschland in den letzten Tagen war, und ich
bin froh, dass ich im Mai mit dem Studieren anfangen werde und nicht im
September, wie es die meisten Studenten tun. Denn die neue Umgebung erscheint
mir so fröhlich und einladend -- die Vögel zwitschern, und die
Eichhörnchen (leider nur graue und schwarze, nicht die hübschen
rotbraunen) hoppeln über die Wiesen. Der Winter kann ruhig etwas
auf sich warten lassen. Doch alles der Reihe nach:
Beim Abflug in Hannover am Sonntag durfte ich zunächst die neuen
Sicherheitsmaßnahmen kennenlernen, denn mein Koffer enthielt, wie man auf der
Röntgenaufnahme sehen konnte, verdächtige Gegenstände. Die freundliche
Dame beim Sicherheitscheck fragte mich dann auch: "Was haben Sie in Ihrem Koffer?" --
??? -- Was antwortet man auf so eine Frage? Ich habe kurz überlegt, ob ich alles
aufzählen soll, mich dann aber entschieden, nur zu sagen: "2 Notebooks". Das
half aber nichts, sondern mein Koffer musste aufgemacht werden. Da man mir wohl nicht
geglaubt hat, dass die beiden Notebooks wirklich Notebooks sind, sollte ich sie
anschalten. Die Akkus hatte ich aber beim Packen rausgenommen und sie
irgendwo
in den Koffer gelegt. Weil ich zu faul war, sie zu suchen, wurde eine Dame vom
Sprengstoffsuchdienst geholt, die meine Notebooks auf Sprengstoff untersucht hat.
Erstaunlicherweise wurde sie nicht fündig. Was ich gelernt habe, ist, dass
funktionsfähige Notebooks keinen Sprengstoff enthalten können. Der
explodiert dann wahrscheinlich sofort, wenn man das Gerät anschaltet...
Der Flug mir der Air France über Paris nach Toronto war ok, ich habe eh die
meiste Zeit geschlafen. Gewundert hat mich nur, dass es zum Essen Metallmesser gab,
nicht diese Plastikteile, die wir auf dem Flug nach Kalifornien benutzen mussten.
Ich finde das sehr leichtsinnig, weiß man doch, was ein Metallmesser in der
Hand eines ausgebildeten Terroristen alles anrichten kann!
In Toronto angekommen, durfte das Flugzeug zwar landen, aber nicht zum Flughafen
hinfahren. Auf dem Flughafen war der gesamte Betrieb eingestellt, und es war roter
Alarm. Mehr konnte uns der Kapitän (heißt auf Französisch "Commodore" :-)) nicht sagen. Mich hat das überhaupt nicht überrascht, ist doch klar,
dass ein Unglück geschieht, wenn man den Terroristen Metallmesser in die Hand
drückt. Andere Fluggäste waren nicht so schlau wie ich und sind
tatsächlich nicht nur aufgesprungen, sobald das Flugzeug stand (machen sie ja
eh immer), sondern auch noch über eine halbe Stunde stehengeblieben, bis wir
endlich aussteigen durften. Später hat mir dann jemand verraten, dass der rote
Alarm durch einen Sturm in Verbindung mit Regen zustande kam. Die Flugzeuge
können dann wohl nicht gescheit landen. Weshalb wir aber nach der Landung noch
so lange rumstehen mussten, konnte mir niemand erklären.
Die Reise von Toronto nach Waterloo mit dem Shuttle war ganz nett, der Fahrer hat
mir erklärt, dass er die imperialen Maßeinheiten besser findet als die
metrischen, weil man in Fahrenheit die Temperatur genauer angeben kann als in
Celsius und weil er nicht zwischen einem
10er- und einem 11er-Schlüssel unterscheiden kann. Bloß die Gegend hatte
nicht besonders viel zu bieten. Um es genauer zu sagen: Die Gegend zwischen Toronto
und Waterloo, jedenfalls das, was ich davon gesehen habe, ist hässlich!

Wiese, UW-Campus
Da fällt der Campus der UW dann sehr angenehm auf, denn der hat viele
Wiesen und Bäumchen und einen Park nebenan, was im Sommer bestimmt noch
hübscher sein wird als jetzt. Da ich erst ab Montag, also gestern, eine
Unterkunft für die Zeit, bis ich meine Wohnung beziehen kann, hatte, musste ich
die erste Nacht im Student Life Centre auf dem Campus verbringen. Da gibt es zwar
keine Duschen, dafür sitzen da ganz viele Studenten rum, essen und lernen. Und
man darf sich mit seinem Schlafsack überall hinlegen und schlafen. Jedenfalls
fast überall. Aber wenn man an einem Platz liegt, wo man nicht liegen darf, wird
man freundlicherweise nachts um 1 aufgeweckt, um sich woanders hinzulegen.
Auf diese Weise konnte ich die erstaunlich fleißigen kanadischen Studenten
die ganze Nacht hindurch beim Lernen beobachten. Und es ist wirklich erstaunlich:
Nachts um 1 waren immer noch welche im Leseraum zugange, auch morgens um 6 noch.
Und um halb 7 kamen schon wieder die ersten Frühaufsteher, um von Neuem mit
dem Lernen zu beginnen. Nicht so faul wie die deutschen Studenten!

Leseraum, Student Life Centre
Gestern habe ich dann den wichtigen Leuten im International Students Office und
im Graduate Studies Office einen Besuch abgestattet und mein eigenes kanadisches
Konto eröffnet. Nebenbei habe ich erfahren, dass ich noch ungefähr 1000
verschiedene Behördengänge antreten muss, bis ich endlich die ganzen
finanziellen Angelegenheiten geregelt habe. Einige Anforderungen kamen mir zyklisch
vor (you need a contract in order to apply for a social insurance number, which you
need to get the contract), sind es dann aber glücklicherweise wohl doch nicht.
Höhepunkt des Tages (außer, dass ich eine Pizzeria gefunden habe, wo man
für 2,49$ satt werden kann) war der Kauf meines eigenen Fahrrads. Jetzt muss ich
endlich nicht mehr zu Fuß hier rumtingeln. Beim Bezahlen war ich allerdings
ein wenig überrascht, weil die Kanadier ja die Steuer auf den Preisschildern
immer außen vor lassen, um ahnungslose Deutsche zum Kauf zu überreden.
Egal. Ich habe ein Fahrrad, und kann damit viel schneller meine neue Heimat erkunden.

Fahrrad, neu (in Kanada werden Fahrräder ohne Schutzblech etc. verkauft)
Gestern Abend konnte ich dann in meine Übergangsbehausung umziehen. Da das
Hostel, wie die Unterkünfte auf dem Campus, erst im Mai öffnet, konnte
ich da nicht hin. Die Betreiberin des Hostels bzw. ihr Mann hat mir aber angeboten,
für die zwei Wochen in einem Raum im Haus neben ihrem eigenen zu wohnen --
für 25$ pro Nacht. 25$ sind eigentlich nicht viel, aber die Unterkunft ist
leider ein bisschen seltsam: Mein Raum ist Teil einer Wohnung, die außer mir
noch von 3 Studenten bewohnt wird, von denen ich im Moment noch nicht so genau
weiß, weshalb sie eigentlich hier wohnen. Auf jeden Fall ist alles total
versifft. Mein Zimmer stinkt, die Bettwäsche, die mir der Mann gegeben hat,
stinkt, und auch die Dusche stinkt. Und den Fußboden im Badezimmer oder gar
die Toilette schauen wir mal lieber gar nicht so genau an. Immerhin ist der
Latrinenthron gepolstert.
 Mein Zimmerchen |
|
 Das "Wohnzimmer" |
Deshalb bin ich eigentlich nicht gar so viel in meinem Zimmer, sondern gurke entweder
mit dem Fahrrad durch die Stadt oder hänge auf dem Campus rum. Dabei ist mir
aufgefallen, dass es hier überhaupt keinen Stadtkern gibt, wie man ihn von
deutschen Städten kennt. Waterloo ist kaum mehr als ein sehr großes Dorf
mit quer durch die Stadt verstreuten Einkaufszentren. In Kitchener soll das wohl
anders sein; das werde ich morgen sehen, wenn ich hinfahre, um meine Social Insurance
Number zu beantragen. Immerhin: Es soll ein Kino geben in Waterloo, sogar zwei, das
eine aber sehr teuer, das andere sehr weit außerhalb.
Das Schlimmste hier ist, dass ich noch immer keinen anständigen Internetzugang
habe: Ich kann zwar in der Uni eines von zwei öffentlichen Terminals benutzen,
aber das rockt nicht so richtig. Im CS Graduate Office hat man mir heute gesagt,
dass mein CS-Account erst eingerichtet wird, wenn ich meine Fees ordnungsgemäß
bezahlt habe, ein wenig Geduld müsse ich haben... Weiß gar nicht mehr, wie
mein Leben vor der Internet-Zeit gewesen ist. Eine andere unangenehme Neuigkeit des
heutigen Tages ist, dass ich 4 Einheiten Teaching machen muss, um das volle Geld zu
bekommen. Also muss ich schon im Spring Term sone Anfänger-Vorlesung betreuen
und den Leuten Rekursion beibringen. Naja, meinem Englisch wird's guttun, ich merke
nämlich hier den ganzen Tag, wie schlecht das in den letzten Jahren geworden ist.
Vielleicht liegt's aber auch an dem lokalen Slang, denn letztes Jahr in Kalifornien
habe ich, glaub ich, mehr verstanden als hier.
Jetzt werd ich erstmal Laufen gehen, danach ein bisschen programmieren.